D | E

Neun Maßnahmen für ein klimarobustes Kehl: LoKlim-Workshop findet seinen Abschluss

Wie kann Kehl zu einer klimarobusten Stadt werden? Hierzu haben die rund 35 Teilnehmenden des dritten und abschließenden LoKlim-Workshops in der Stadthalle eine Reihe konkreter Maßnahmen erarbeitet, darunter für die Bereiche Stadtplanung, Verkehr, aber auch Forstwirtschaft und Industrie.

Werden die Pariser Klimaziele verfehlt, steigen die Temperaturen in der Rheinstadt deutlich: bis 2050 im Jahresmittel auf 12,1 Grad und bis 2100 auf 14,4 Grad. Auch die Zahl der Tropennächte, in denen die Außentemperatur nicht unter die 20-Grad-Marke sinkt, wird sich erhöhen. Bis 2050 erwarten die Kehlerinnen und Kehler im Jahresmittel vier Tropennächte, bis 2100 sogar 24. Zwar wird sich die Niederschlagsmenge nicht nennenswert verändern, allerdings wird hier eine saisonale Verschiebung erwartet. Das heißt: Künftig regnet es vermehrt im Winter, während die Sommermonate trockener werden. Um sich auf diesen bevorstehenden Klimawandel vorzubereiten, beteiligt sich die Stadt gemeinsam mit fünf weiteren Kommunen und Landkreisen am Forschungsprojekt „Lokale Kompetenzentwicklung zur Klimawandelanpassung in kleinen und mittleren Kommunen und Landkreisen“ der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, kurz LoKlim genannt. Betreut wird das Projekt durch die Koordinatorin Stefanie Lorenz sowie durch Dennis Fila. Seit September 2021 haben die Teilnehmenden aus Bürgerschaft, Politik und Verwaltung in drei Workshops neun Handlungsfelder identifiziert, mehr als 300 Anpassungsvorschläge gesammelt und neun konkrete Maßnahmen ausgearbeitet, die der Verwaltung helfen sollen, mit dem Klimawandel umzugehen. Die einzelnen Vorhaben sollen sich dabei innerhalb von drei Jahren umsetzen lassen:

„Naturschutz und Biodiversität“

Die LoKlim-Gruppe möchte die Flächenversiegelung im Stadtgebiet reduzieren. Sie schlägt vor, in einer Bestandserfassung sämtliche versiegelten städtischen Flächen zu ermitteln, die umgestaltet werden können, und an diesen Stellen durchlässige Bodenbeläge beispielsweise mittels Rasensteinen zu schaffen. Ein Versiegelungsverzicht unterstütze nicht nur die örtliche Regenversickerung, sondern begünstige, dass sich die Flächen bei Sonneneinstrahlung weniger stark erwärmen. Bei künftigen Baumaßnahmen sollen Informationstafeln darauf hinweisen, weshalb an dieser Stelle auf Flächenversiegelung verzichtet wird. Zudem empfiehlt die LoKlim-Gruppe das Förderprogramm Klimaangepasst Wohnen aufzustocken.  

„Wasser“

Werden die Pariser Klimaziele nicht erreicht, fällt auch in Kehl häufiger Starkregen. Deshalb empfiehlt die LoKlim-Gruppe der Verwaltung, ein Konzept zum Starkregenmanagement zu erarbeiten und darin vorgesehene Maßnahmen umzusetzen. Als Beispiele wurden Rückhalteflächen und Leitgräben genannt, um sich auf drohende Überflutungen vorzubereiten.

„Landwirtschaft und Waldmanagement“

Um den Stadtwald an die Folgen des Klimawandels anzupassen, soll dieser zu einem Klimawald entwickelt werden. Hierzu bedarf es einer guten Durchmischung mit mindestens fünf verschiedenen Baumarten. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Naturverjüngung: Ein klimarobuster und zukunftsfähiger Wald muss in der Lage sein, rund zwei Drittel seiner Fläche natürlich zu erneuern. In Diskussionsrunden mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Bürgerschaft und unabhängigen Fachexperten soll ein Bewusstsein für die Notwendigkeit dieser Maßnahmen geschaffen werden. Die LoKlim-Gruppe schlägt vor, die Kehlerinnen und Kehler mit Hinweistafeln über die Waldertüchtigung zu informieren.

„Stadt- und Freiflächenplanung“

Bei der Planung von Bauprojekten soll die Stadt die Klimawandelanpassung systematisch mitberücksichtigen. Hierzu schlägt die LoKlim-Gruppe einen durch den Gemeinderat beschlossenen kommunalen Rahmenplan vor. An runden Tischen soll deutlich gemacht werden, was sich dadurch bei der Bauleitplanung ändert. Außerdem empfiehlt die LoKlim-Gruppe einen engen Austausch mit anderen Kommunen. So könne die Rheinstadt Fehler vermeiden, die in anderen Städten und Gemeinden bereits gemacht wurden.

„Bauen und Wohnen, Katastrophenschutz“

Die Fördermöglichkeiten für Dach- und Fassadenbegrünungen sollen weitergeführt und auf das gesamte Stadtgebiet ausgedehnt werden. Hierzu bedarf es eines Gemeinderatsbeschlusses, um die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen. Um die Fördermöglichkeiten bei den Kehlerinnen und Kehler attraktiv zu machen, soll verstärkt auf den Mehrwert von Dach- und Fassadenbegrünung aufmerksam gemacht werden, etwa mit Rechenbeispielen zu niedrigeren Niederschlagsgebühren. In besonders kritischen Gebieten empfiehlt die LoKlim-Gruppe, Hauseigentümerinnen und -eigentümer gezielt anzuschreiben.

„Verkehr“

Der öffentliche Nahverkehr soll klimaangepasster, nachhaltiger, bedarfsgerechter und kostengünstiger werden. Um Bürgerinnen und Bürger zum Umsteigen auf Bus und Bahn zu bewegen, schlägt die LoKlim-Gruppe eine Bedarfserhebung vor. Dadurch soll geklärt werden, welche Streckenführungen und welche Taktungen von den Menschen in Kehl gewünscht werden. Anschließend sollen alle Beteiligten wie Bürgerinnen und Bürger, Mitglieder des Gemeinderats und der Verwaltung, aber auch Vertreterinnen und Vertreter der Nahverkehrsbetriebe an einem runden Tisch zusammengebracht werden, um Lösungen zu erarbeiten.

„Gesundheit und soziale Einrichtungen“

Für vulnerable Gruppen sollen verschattete Flächen mit hoher Aufenthaltsqualität geschaffen werden. Hierzu bedarf es eines stringenten Konzepts, an dessen Entwicklung die Zielgruppe beteiligt wird. Exemplarisch nennt die LoKlim-Gruppe Sitzgelegenheiten mit Aufstehhilfen für Seniorinnen und Senioren. Zur Verschattung sollen beispielsweise an passender Stelle Begrünungsspaliere installiert und bei einer Eröffnungsveranstaltung vorgestellt werden. Finden diese bei der Zielgruppe keinen Anklang, soll nachgebessert werden.

„Wirtschaft und Gewerbe“

Kaum Dachbegrünung, dafür eine hohe Flächenversiegelung: Auch in Gewerbegebieten soll der Klimawandelanpassung Rechnung getragen werden. Um für Unternehmen einen Anreiz zu schaffen, Industrie- und Fabrikhallen zu begrünen oder ihre Grundstücksflächen zu entsiegeln, sollen entsprechende Förderprogramme aufgelegt werden. Auch empfiehlt die LoKlim-Gruppe, den Betrieben zu erläutern, welche Kosten durch Hochwasserschäden auf sie zukommen können. Letztlich soll bei der Ausweisung neuer Gewerbegebiete auch das Planungsrecht konsequent angewendet werden.

„Institutionelle Verankerung“

Damit die Stadtverwaltung immer auch unter dem Gesichtspunkt der Klimaanpassung agiert, empfiehlt die LoKlim-Gruppe, die Verantwortlichkeit dafür nicht auf Einzelpersonen zu übertragen. Vielmehr müsse Klimaanpassung als Querschnittsthema in alle Verwaltungsbereiche getragen und die Mitarbeitenden frühzeitig entsprechend geschult werden. Die Stadtverwaltung nimmt beim Thema Klimawandelanpassung eine Vorbildrolle ein und kann durch das eigene Handeln Dritte ebenfalls motivieren. Wie geht es nun weiter? Die Stadtverwaltung wird sich im nächsten Schritt intensiv mit den vorgeschlagenen Maßnahmen auseinandersetzen und auf dieser Grundlage einen Aktionsplan erstellen. Dieser wird dem Gemeinderat vorgelegt, der darüber beschließt und somit die Leitlinien für die Klimawandelanpassung in Kehl vorgibt. „Wir bringen hier etwas Gutes auf den Weg“, freut sich der Erste Beigeordnete Thomas Wuttke.